Der Mann, der die Indianer holte Hagenbeck: Johan Adrian Jacobsen organisierte die legendären Völkerschauen.
Von Claudia Sewig, Claudia Sewig
Er holte Eskimos aus Grönland. Indianer aus Nordamerika. Lappländer aus Norwegen. Menschen, die bis dato nichts von der Welt kannten - und die die europäische Welt höchstens dem Namen nach kannte. Johan Adrian Jacobsen, Impresario, Sammler und Weltenbummler, organisierte für Carl Hagenbeck zwischen 1877 und 1926 die legendären Völkerschauen. Heute wäre er 150 Jahre alt geworden. Sein wertvoller Nachlass schlummert fast ungenutzt im Hamburger Museum für Völkerkunde.
"Jacobsen war ein guter Freund meines Urgroßvaters", sagt Tierpark-Chef Dr. Claus Hagenbeck (61). "Doch ich weiß leider viel zu wenig über ihn." Im eigenen, kleinen Archiv hat Hagenbeck einige Fotos von Jacobsen, handcolorierte Postkarten mit Völkerschau-Motiven, eine Speisekarte für das Tierpark-Restaurant, das der umtriebige Mann eine Zeit lang führte. "Der Löwenanteil liegt aber im Museum, dem Jacobsen seinen Nachlass vermacht hat", sagt Historiker Klaus Gille (48), der das Hagenbecksche Archiv betreut.
Wer war der Mann, der sich selbst Kapitän nannte, obwohl nie nachgewiesen werden konnte, dass er je das Kapitänspatent erworben hat? Geboren wurde Jacobsen am 9. Oktober 1853 auf der kleinen Insel Risö in Norwegen. Der Sohn eines Walfängers wollte schon früh in die Welt hinaus: "Mein ältester Bruder, welcher im 15. Lebensjahr zur See ging und als Seemann alle Weltmeere bereiste (...) regte früh auch bei mir den Wunsch an, fremde Länder und Völker kennen zu lernen", heißt es in einer Veröffentlichung von 1884.
1874 verließ Jacobsen Norwegen und kam nach Hamburg. Zwei Jahre lang arbeitete er hier im Kleidergeschäft seines Bruders und lernte Deutsch. 1876 ging er für ein Jahr nach Chile, wo er sich als Steuermann, Bäckergehilfe, Fischer und Dockarbeiter durchschlug. 1877 kehrte er nach Hamburg zurück. Über einen norwegischen Freund von der Seemannsschule hörte er, dass Carl Hagenbeck jemanden suchte, der für ihn eine Eskimo-Schau mit ethnographischer Sammlung zusammenstellte. Jacobsen übernahm die Aufgabe und war wenige Wochen später an Bord der Brigg "Walfisch" auf dem Weg nach Grönland. Seine erste Völkerschau wurde gleich ein voller Erfolg.
Jacobsen arbeitete in den folgenden Jahren als Sammler für das Berliner Völkerkundemuseum, stellte die Bella-Coola-Völkerschau mit Indianern von der Amerikanischen Westküste für Hagenbeck zusammen und arbeitete für ihn auf der Chicagoer Weltausstellung 1893. 1907 übernahm er mit seiner Frau Hedwig das Restaurant im neu gegründeten Tierpark in Stellingen und veranstaltete hier 1910 die wohl aufsehenerregendste Völkerschau überhaupt: Die Wild-West-Völkerschau mit Sioux-Indianern. 1926 holte er für eine letzte Völkerschau Lappländer aus Norwegen. Im Zweiten Weltkrieg kehrte Jacobsen unter großen Schwierigkeiten nach Norwegen zurück, wo er 1947 94-jährig starb.
"Die Völkerschauen bei Hagenbeck waren hochprofessionell gemacht und stehen zu Unrecht immer noch in der Kritik", sagt Prof. Wulf Köpke (50), Direktor des Museums für Völkerkunde. Hagenbeck und Jacobsen hätten sich, ganz anders als bei ähnlichen Veranstaltungen in Europa, sehr um die mitgebrachten Menschen gekümmert und wertvolles ethnologische Material, zum Beispiel Fotografien, gesammelt.
Das Material, das im Museum lagert - "ein Nationalschatz", wie Köpke sagt - wollte jüngst ein amerikanischer Professor einsehen. Köpke: "Leider war uns das nicht möglich. Wir hatten bisher kein Geld, die Materialien zu archivieren, und bis das nicht geschehen ist, kann niemand ran." 150 000 Euro für drei Jahre Aufbereitungszeit würden benötigt, schätzt Köpke. Ständen diese zur Verfügung, könnte er sich, ebenso wie Klaus Gille, von einer Ausstellung bis zu einer Veröffentlichung alles vorstellen. Bis dahin erinnert nur der Jacobsen-Weg in Stellingen an den Abenteurer. erschienen am 9. Okt 2003 in Hamburg |